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Hermann L. Gremliza: Scheiß Deutschland – außer Suhrkamp

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Formen + Funktionen der literarischen Memorialkultur

Etwa 2005 begann das bemerkenswerte Interesse von Gremliza an der FAZ und besonders an dem Schirrmacher-Zögling Dietmar Dath. Zu den Spekulationen über Gremlizas Motive gehörte die Vermutung, er wolle sich einen Nachruf in der FAZ sichern.

Gremliza, der sich gerne als Bourgeois darstellt, der seine Klasse verraten hat, leidet darunter, dass diese Selbstinszenierung bislang in der „Zeitung für Deutschland“ und anderswo wenig Aufmerksamkeit gefunden hat. Die wenigen Treffer, die sich im FAZ-Archiv finden, wenn man dort „Gremliza“ eingibt, gehen auf Dath zurück.

2013 brachte der FAZ- und Konkret-Autor Oliver Tolmein einen Nachruf auf den (KONKRET-) „Satiriker Horst Tomayer“ in der FAZ unter. Zwei andere Erwähnungen Tomayers sind von Dath.

Mehrere KONKRET-Schreiber behaupteten plötzlich, die Anerkennung durchs bürgerliche Feuilleton sei Tomayers höchstes Ziel gewesen. In der TAZ befand Rene Martens im Auftrag von KONKRET:

Horst Tomayer hätte es verdient, in einem Atemzug mit der Neuen Frankfurter Schule genannt zu werden…. Berühmt werden konnte Horst Tomayer aber schon deshalb nicht, weil er nicht korrumpierbar war.“

Im KONKRET-Milieu hatte sich offenbar das Gefühl breit gemacht, dass einige KONKRET-Autoren es unbedingt verdient hätten, in FAZ & TAZ gefeiert zu werden. Der Gestus der Unbestechlichkeit sollte weiterhin gepflegt werden, aber so, dass er nicht zum Hindernis wird.

Da Tomayer selbst einen FAZ-Nachruf eher für eine Beschädigung seiner Dichtung gehalten hätte, ist dieses Buhlen um bürgerliche Anerkennung leicht als verklausuliertes Signal zu erkennen: Es geht um Gremliza selbst. Ihm, so die Bitte, solle doch, wenn es soweit ist, was Vorzeigbares nachgerufen werden.
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Suhrkamp Gremliza
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Scheiß-Deutschland! Oben: Die (unsägliche) Deutschpop-Band „Heiterkeit“ auf der Rückseite von KONKRET Juli 2016 (erneut in Heft 10/16, s.a. Heft 9/16: Deutschpop als „Platte des Monats“). Unten: Begeisterte Kritik in der FAZ im Juni 2016.

Gremliza FAZ Suhrkamp
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Gremliza, der ständig beteuert, dass er Deutschland „richtig Scheiße“ findet, hat es zuletzt mehrfach mit dem Deutschlandfunk versucht. Wolfgang Porth kommentiert das mit den Worten: „Was haben wir erreicht? Deutschland ist wiedervereinigt, die Armen wurden ärmer, die Reichen reicher. Gremliza darf anderthalb Stunden im Deutschlandfunk aus seinem Leben plaudern…“ (hier und hier und hier)

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Jetzt zeigt sich, dass Gremliza, als er auf Dath setzte, nicht nur an die FAZ dachte. Denn Dath sitzt auch in einem Beirat des Suhrkamp-Verlages, gehört dort also zu den Leuten, die vorschlagen können, was sie literarisch für bedeutsam halten. So hat der Klassenverräter Gremliza am Ende und vor dem Ende doch noch die bürgerliche Anerkennung gefunden und ist Suhrkamp-Autor geworden. Der Nachdruck seiner Kolumnen in den Buchreihen des eigenen Verlages reichte ihm nicht. Da fehlt einfach die hochkulturelle Weihe. Wie billig sieht das aus auf der eigenen Wikipedia-Seite: „Alle seine Texte erschienen im Selbstverlag“. Das hört sich nach einem negativen Literaturpreis an, bei dem man die Druckkosten selbst bezahlen muss.

Allerdings hat Gremliza nicht bedacht, dass „Gremliza bei Suhrkamp“ sich ziemlich nach „Gremliza am Ende“, also nach Anbiederung an Deutschland anhört.

Deshalb muss die Buchpräsentation besonders derbe ausfallen, auch wenn sie SO lieber nicht vom Suhrkamp-Verlag selbst angekündigt wird,
sondern von der Hamburg Touristik:

„Scheiß Deutschland“

heißt sie und findet am „Tag der Deutschen Einheit “ in einem Hamburger Kabarett statt, dem „Polittbüro“, wo alle enden, die politisch schon in Rente sind:

„3. Oktober 2016: Seit einigen Tagen in der Edition Suhrkamp: Haupt- und Nebensätze, Gremlizas Gedanken aus den letzten zwei Jahrzehnten, gesammelt und neu gefasst – über Sommermärchen und Winteralpträume, über deutsche Unglücksfälle auf G (wie Gauck, Gabriel, Gysi), über deutsche Verbrechen gegen die Menschheit und andere Exportschlager. Vorstellung des Bandes an drei Abenden unter dem Titel »Scheiß Deutschland«: Am 3. Oktober im Polittbüro Hamburg mit Thomas Ebermann und am 12. November im Roten Salon der [Ost-] Berliner Volksbühne [Gremliza: „Nie wieder Deutschland – außer der Volksbühne“] mit Dietmar Dath. Eintritt: € 15,-

Inhalt

»In dubio contra« schrieb er einem Leser in die Anthologie, für die er 1967 Helmut Schmidt unter dem Titel »Rechts, wo der Blinddarm ist« porträtiert hatte. Seit vierzig Jahren macht Hermann L. Gremliza alles nieder, was Menschen erniedrigt: den Kapitalismus, das deutsche Vaterland, seine Antisemiten und Rassisten: »Das andere, bessere [Suhrkamp-] Deutschland gibt es NICHT. Was es gibt, sind die Deutschen und ein paar Menschen, die auch in dieser Gegend wohnen.« Für diesen Band hat Gremliza Gedanken aus den letzten zwei Jahrzehnten gesammelt und neu gefasst: über Sommermärchen und Winteralpträume, über deutsche Unglücksfälle auf G (wie Gauck, Gabriel, Gysi), über deutsche Verbrechen gegen die Menschheit und andere Exportschlager. 15,00 € , Erschienen: 12.09.2016, 159 Seiten“

„Gedanken aus zwei Jahrzehnten“. Bei Suhrkamp. Am Tag der Deutschen Einheit. Im Polittbüro. Unter dem Motto „Scheiß Deutschland“.
Das ist bitter. Warum müssen die Leute am Ende aus der Rolle fallen?

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Suhrkamp Gremliza

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In der Oktober-Ausgabe von KONKRET interviewt Gremliza die Rechtsanwältin und Feministin Seyran Ates. Dabei versucht Gremliza Ates auf üble Weise anzuhängen, ihre Kritik bestimmter islamischer Praktiken würde den Rechten das Geschäft erleichtern. Am Ende des Interviews stellt der frisch gebackene Suhrkamp-Autor sich als Kommunist und Dissident dar, der wegen seiner mutig abweichenden Meinungen in einer ähnlichen Lage sei wie viele Migranten und Flüchtlinge und deshalb „auch in einer Parallelgesellschaft“ leben müsse. Ates schlagfertige Antwort ist großartig:

„KONKRET in Deutschland ist ein wichtiger Bestandteil der offenen Gesellschaft und in diesem Sinne auch gut integriert.“

KONKRET, FAZ, Suhrkamp – Gremlizas „Scheiß Deutschland!“ ist nur seine Art JA zu sagen.

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NACHTRAG 1

Irgendwer beim Verlag Suhrkamp scheint, nach über 40-jährigem Wirken Gremlizas als Herausgeber von »Konkret« (»Lesen, was andere nicht wissen wollen«), plötzlich dessen Existenz bemerkt zu haben.“ (Neues Deutschland, 12.11.2016, Rubrik: Kultur)

„Als Suhrkamp das erste Buch von mir angenommen hatte, war mir, als hätte ich zum zweiten Mal das Abitur bestanden.“ (Irgendwer, FAZ 21.02.2014)
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NACHTRAG 2

Gremlizas nächste Buchvorstellung findet am 6. Dezember im „israelkritischen“ Frankfurter Club Voltaire (Kleine Hochstraße 5) statt, den Jürgen Elsässer einst gegen Zionisten & Antideutsche verteidigte. Eintritt: 10 €

(PS: Unser Leser Gremliza hat diesen Auftritt ohne weitere Begründung kurzfristig abgesagt).

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SPEX: KOLLEKTIVSCHULD REVISITED

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In der Zeitschrift SPEX
erschien am 25. April 2016 ein Interview mit ALFRED HILSBERG.

Interviewer ist MAX DAX, der zeitweise für Hilsberg tätig war. Bekannt wurde er jedoch vor allem als Herausgeber des ersten kostenlosen Anzeigenblattes mit Popthemen (Sonic Press), danach als Chefredakteur der Werbeblättchen WOM-Magazin und Electronic Beats (Telekom). 2007, als sich viele bei SPEX einem Umzug von Köln in die DEUTSCHE HAUPTSTADT verweigerten, sprang er für 3 Jahre auch dort als Chefredakteur ein.

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Von den Nazis fast verhindert: Deutschpop!

DAX fragt HILSBERG:

Sie waren mit dafür verantwortlich, dass nach Jahren des Textens auf Englisch mit einem Mal wieder auf Deutsch gesungen wurde. Sie stopften mit den Veröffentlichungen auf Ihrem Label die Lücke, die die Nazis in die Narration deutscher Subkulturen geschnitten hatten.

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Schon die Frage ist deutscher Geschichtsrevisionismus:

Die Behauptung, die Nazis hätten eine LÜCKE in die „Narration“ deutscher Subkulturen geschnitten, ist eine Erfindung der „Kriegsenkel“.

Die “Subkultur” VOR 1933 war durchweg deutschvölkisch und antisemitisch (Wandervogel, Bündische Jugend, Jungnationaler Bund, klerikale Pfadfinder, „Germanische“ Gemeinschaften, Turner, Alternativszene der Inflationsheiligen, Fidus-Anhänger etc. ). Nur die sozialistische und kommunistische Jugendbewegung bekämpfte die deutschvölkischen und schließlich faschistischen Strömungen.

Aus der von MAX DAX als Vorläufer des ZickZack-Deutsch-Punks dargestellten deutschvölkischen “Subkultur” rekrutierte in Wirklichkeit später unter anderem das Reichssicherheitshauptamt (RSHA) viele seiner Kader. Christian Niemeyer hat in dem Buch „Die dunklen Seiten der Jugendbewegung“ die weitgehende Kontinuität vom Wandervogel zur Hitlerjugend belegt. Ein älteres Standardwerk zu dem Thema ist „Fidus. 1868-1948. Zur ästhetischen Praxis bürgerlicher Fluchtbewegungen“ (Frecot/Geist, 1972).

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Popkultur
„Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein“: Deutsche Subkulturen vor 1933. Vergrößern mit Rechtsklick

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Es gab also vor den Nazis keine “gute Subkultur”, die 1933-1945 nur “unterbrochen” war und an die nach 1945 wieder angeknüpft werden konnte.

(Diese Argumentationsfigur – die Nazis haben unsere guten deutschen Traditionen beschmutzt, aber wir werden den Schmutz wieder abkratzen – ist auch in vielen anderen Bereichen beliebt, zum Beispiel im Studienfach “Volkskunde” oder beim Fahnenschwingen).

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In linken Zusammenhängen tauchte die Behauptung von der „Lücke“, die die Nazis angeblich in die Narration deutscher Subkulturen geschnitten hätten, erstmals ganz massiv 1968 während den Essener Songtagen auf, die unter dem Motto Deutschland erwacht – Pop-Musik aus deutschen Landen“ stattfanden. Auch auf den Folk-Festivals auf der Burg Waldeck versuchten sich damals die „Erben der Wandervogel-Bewegung“ durchzusetzen. Vor allem Franz-Josef Degenhardt gehörte seinerzeit zu den entschiedenen Gegnern dieses linken Geschichtsrevisionismus. Er betonte immer wieder, dass es da nichts fortzuführen gibt. Degenhardt orientierte sich bewusst an Georges Brassens, Boris Vian und anderen, an französischen, italienischen, griechischen etc. Songtraditionen. Dazu gab es keine Alternative.

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Auf die argumentative Vorlage von DAX antwortet HILSBERG:

„Allen war bewusst, dass der Kern des Problems in den Zerstörungen der Nazizeit lag. Nicht nur war eine Traditionslinie unterbrochen worden.

Man hatte geradezu ein schlechtes Gewissen, wenn man sich anschickte, auf Deutsch zu singen.

Das war selbst 1990 noch so, als Jochen Distelmeyer mit Blumfeld auf Deutsch zu singen begann. Da ist der Journalist Günther Jacob über ihn hergezogen. ”

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Alfred Hilsberg Zickzack
1000 Jahre Deutsch-Pop. Vergrößern mit Rechtsklick

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Hilsberg findet im Jahr 2016, dass es nach 1945 jahrzehntelang

„eine fast absolute Dominanz englischsprachiger Musik in Deutschland gegeben hat. Das wurde von niemandem in Frage gestellt.“

Mit keinem Wort erwähnt Hilsberg, dass die deutsche Sprache in Europa nach 1945 niemand mehr hören wollte, weil es die Sprache der deutschen Täter und Mitläufer war. Und dass eben deshalb auch das „deutsche Lied“ plötzlich unerträglich geworden war – selbst für junge Leute in Deutschland, die erst nach 1945 geboren wurden. Es gab also gute Gründe für die „fast absolute Dominanz englischsprachiger Musik in Deutschland“ und dafür, dass das „von niemandem in Frage gestellt“ wurde. Zu diesen Gründen sagt Hilsberg kein Wort. Dadurch wird seine Klage über die „fast absolute Dominanz englischsprachiger Musik“ zum deutschnationalen Ressentiment gegen die „angloamerikanische Vorherrschaft“. Er denunziert die progressive Seite dieser Abwendung vom „deutschen Liedgut“, die ja von vielen jungen Leuten als Befreiung vom reaktionären Deutschtum empfunden wurde.

Bemerkenswert ist, dass Hilsberg HEUTE sagt, dieses deutschnationale Ressentiment gegen die „fast absolute Dominanz englischsprachiger Musik“ habe ihn schon damals umgetrieben, sein Einsatz für Neue Deutsche Welle und Deutsch-Punk sei also schon damals deutschnational (und nicht einfach künstlerisch) motiviert gewesen. Er wollte also nach eigener Aussage nicht einfach Punk machen, sondern mit Punk sollte das „schlechte Gewissen“ das alle damals hatten, wenn sie „sich anschickten, auf Deutsch zu singen”, betäubt und überwunden werden. Hilsberg kämpfte damals – so stellt er es selbst heute dar – gegen das Diktat der Reeducation, unter dem damals angeblich die deutsche Popjugend litt. Wie DAX erfindet auch HILSBERG eine gute deutsche “Traditionslinie”, die zuerst von den Nazis “unterbrochen” wurde und deren Fortsetzung bzw. Wiederaufnahme dann von den Alliierten hintertrieben wurde.

Nach Hilsbergs Darstellung, traute sich die deutsche Jugend angesichts dieses Druckes zunächst überhaupt nicht mehr an das deutsche Liedgut heran, wagte sich dann aber in der Punk-Zeit – wenn auch noch mit schlechtem Gewissen – wieder aus der Deckung.

Nach dem Siegeszug des Deutschpop hat heute niemand ein Interesse daran, sich die ZickZack-Geschichte (Statements von Hilsberg und seinen Bands in den 1980er und 1990er Jahren) unter dem Gesichtspunkt anzuschauen, welche Rolle das deutschnationale Ressentiment schon damals spielte.

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Alfred Hislberg
Handelsblatt, 26.11.2012. Vergrößern mit Rechtsklick

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Für die Zeit nach 1990 ist die Sache eindeutig. Tatsächlich war es so, dass sich die deutsche Popjugend pünktlich zur Wiedervereinigung vom angloamerikanischen Diktat befreien wollte. Unterstützt von Plattenindustrie und Feuilletons wurde nun verlangt, dass in Deutschland wieder DEUTSCH gesprochen wird.

Deutschrock, Deutschrap und deutsche “Popliteratur” waren die Folge. Die Frage in welcher Sprache eine Band singt, war fortan keine künstlerische Frage mehr (es kann künstlerische Gründe für diese Entscheidung geben, etwa bei Degenhardt), sondern eine politische. Irgendwann traten Bands wie Blumfeld auf dem deutschen Germanistentag auf und Jochen Distelmeyer wurde in den Feuilletons als der neue Goethe gefeiert.

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Deutsch-Pop zum Staatsbesuch

Goethe-Institut Argentinien
Deutschpop unterwegs mit Helmut Kohl. Vergrößern mit Rechtsklick

Vom 14.-21. September 1996 besuchte der „Kanzler der Einheit“, Helmut Kohl, Argentinien (Buenos Aires), Brasilien (São Paulo) und Mexiko (Mexiko-City). Als Begleitprogramm zu diesen Staatsbesuchen schickte das Goethe-Institut Blumfeld als deutsche Kulturbotschafter durch Südamerika.

Da es damals noch grundsätzliche Kritik in linken Blättern wie Konkret, Junge Welt und 17 Grad Celsius an der Herausbildung eines deutschen National-Pop´s gab und die Bands der „Hamburger Schule“ damals solche Kommentare noch nicht vollständig ignorieren konnten, versuchten Hilsberg und Blumfeld die Südamerika-Tour mehr oder weniger geheim zu halten. Mit dem Goethe-Institut wurde vereinbart, dass es keine offiziellen Termine wie Botschaftsempfänge geben soll. Mit auf Tour war auch Tobias Levin von Cpt. Kirk &., der damals zusätzlicher Gitarrist bei Blumfeld war. Levin ist heute einer der führenden Produzenten von Deutschpop (Hilsbergs „Godfather of Deutsch-Pop“ Jens Friebe, Tocotronic, Kante, To Rococo Rot, Kreidler, Kristof Schreuf, Gisbert zu Knyphausen, Kommando Sonne-Nmilch, Brockdorff Klang Labor, Junges Glück, Die Heiterkeit, Zehn Meter Feldweg, Messer, Ja Panik etc.)

Aus dem deutschsprachigen Songwriting war – spätestens ab 1994/1995 – staatlich geförderter Deutschpop als nationale Bewegung geworden.

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Nachdem die Hegemonie des neuen Deutschpop gesichert war, durfte einer wie Poschardt, der das mit gefördert hatte, dazu 2004 eine pseudokritische Anmerkung machen: “Keine Probleme hatten Blumfeld damit, zu Zeiten der Regierung von Helmut Kohl für das Goethe-Institut als Repräsentant deutscher Kultur durch Südamerika zu touren.”

20 Jahre später referieren die Medien anläßlich eines “L‘État Et Moi“-Jubiläumskonzerts” den Erfolgskurs des Deutschpops: Ohne Blumfeld ware “es heute nicht so einfach und Erfolg versprechend, Lieder in der Sprache Goethes, Grass‘ und Grönemeyers aufzunehmen statt auf Schulenglisch.”

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Bemerkenswert an Hilsbergs Satz:

“Das war SELBST 1990 NOCH (!) so, als Jochen Distelmeyer mit Blumfeld auf Deutsch zu singen begann. Da ist der Journalist Günther Jacob über ihn hergezogen”

ist nicht zuletzt sein HEUTIGES ERSTAUNEN darüber, dass jemand SELBST NACH DER WIEDERVEREINIGUNG (!) noch gegen deutschen Kulturnationalismus ist.

Die Kritik an Blumfeld setzte übrigens nicht 1990 ein. Es war zunächst durchaus künstlerisch überzeugend, dass Jochen Distelmeyer seine poetischen Verse in deutscher Sprache abfasste. Die Kritik setzte erst einige Jahre später (1994) ein, als deutlich wurde, dass nun auch Distelmeyer WILLENTLICH Teil des 1990 einsetzenden Trends zum neuen deutschen Selbstbewusstsein wurde. Damit begann auch sein künstlerischer Niedergang.

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Hilsberg: Mit Punk gegen die Kollektivschuld

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Max Dax
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Und schließlich macht Hilsberg eine Äußerung, die wirklich in die Zeit passt:

„Gleichzeitig, und das ist kein Widerspruch, habe ich mir das MÄNTELCHEN DER KOLLEKTIVSCHULD NICHT ÜBERGEZOGEN.
Für mich spielte weniger die Auseinandersetzung mit der Nazizeit eine Rolle, sondern vielmehr dass es eine fast absolute DOMINANZ ENGLISCHSPRACHIGER MUSIK in Deutschland gegeben hat. Das wurde von niemandem in Frage gestellt. Unter Musikern wurde argumentiert, dass Blues und Rock ja nun einmal aus angloamerikanischen Ländern stammten und man also auf Englisch zu singen habe.“

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“KOLLEKTIVSCHULD”

ist in Deutschland seit dem 9.Mai 1945 ein Vorwurf, den in erster Linie immer die Deutschen verwendeten, wenn irgendwo ein Nazi vor Gericht stand. Jeder Prozess der Alliierten war von dem Vorwurf begleitet, sie würden an den Deutschen eine Kollektivschuld vollstrecken. Man forderte ständig eine Entlastung aller Deutschen von einem „Kollektivschuldvorwurf“. Über diesen Begriff solidarisierten sich Täter und Mitläufer. Die Vorstellung, einem Kollektivschuldvorwurf ausgesetzt zu sein, gehört bis heute nicht nur zur Rhetorik deutscher Rechtsradikaler: Nachdem man in Deutschland verstanden hatte, dass aktive „Vergangenheitspolitik“ die deutsche Position als Soft Power stärkt – „Vergangenheitspolitik“ eröffnete der BRD einen größeren außenpolitischen Spielraum, sie ist seither kein „geschichtspolitisch verwundbarer Akteur“ mehr (Zeit, 12.5.16) – drehte man den Spieß um und thematisierte nun die „Verbrechen der Alliierten“. So oder so waren die Deutschen eben Opfer.

Hilsberg wendet sich gegen die „Kollektivschuldthese“ zu einem Zeitpunkt, da die AfD dieses Thema gerade auf ihrem Parteitag diskutiert.

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So steht es jedenfalls im Spex-Interview von Maximilian Dax.
Noch vielsagender ist jedoch: Kaum jemand stört sich daran.

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NACHBEMERKUNG:

National-Pop nach 1990: Von Spex über FAZ zu Konkret
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Dietmar Dath
FAZ-Titel mit Tocotronic, 29. Juli 2015. Vergrößern mit Rechtsklick

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In der KONKRET-Ausgabe vom Mai 2016 erschien – parallel also zu Spex – ebenfalls ein Interview mit HILSBERG (von Rene Martens). In diesem Interview wird die Deutschpop-Kritik, die einst eine gewisse Rolle in KONKRET gespielt hatte, einfach komplett ausgeblendet.

Das entspricht dem heutigen Kurs der KONKRET: In der selben Ausgabe geht es auf zehn Seiten um eine Frage, die in einem FAZ-Artikel (!) aufgeworfen wurde – von Dietmar Dath, der zugleich in KONKRET und FAZ schreibt: Sollten die Amis Hillary Clinton oder Bernie Sanders wählen? Ein linksbürgerliches Blatt diskutiert also den Text eines rechtsbürgerlichen Blattes, weil es einen Autor gibt, der in beiden Blättern zugleich schreibt. Und man diskutiert nicht über und gar gegen Deutschland, sondern darüber, welches Wahlergebnis in den USA am besten für Deutschland ist.

Nicht nur “die deutsche Poplandschaft ist deutscher geworden” (TAZ 20.08.1999). 25 Jahre unverkrampfte Heimatliebe haben ihre Spuren hinterlassen. Mit dem früheren SPEX-Schreiber Dietmar Dath von der FAZ hat Gremliza einen Zögling des damaligen FAZ-Herausgebers Frank Schirrmacher an Bord geholt.

Schirrmacher gehörte zu den ersten bürgerlichen Feuilleton-Machern, die den Trend zum Deutschpop erkannt hatten und suchte daher bei der SPEX nach einem, der dieses Feld auch in der FAZ bestellen kann.

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Richard Kämmerlings, der fast gleichzeitig mit Dath Feuilleton-Redakteur der FAZ wurde (er ist inzwischen bei der WELT) und dort mehrfach Bands und Musiker der „Hamburger Schule“ feierte (Tocotronic, Blumfeld, Kristof Schreuf etc.), beschreibt diesen Wandel nach der „Wiedervereinigung“ im Jahr 2011 in dem Buch „Das kurze Glück der Gegenwart. Deutschsprachige Literatur seit 1989“:

„Pop, Mode, Lifestyle stiegen zu Kulturthemen auf. Neue schnelle Medien wie die Berliner Seiten der FAZ bildeten diese Aufweichung der alten Gräben zwischen E und U, zwischen Hoch- und Subkultur nicht nur beispielhaft ab, sondern waren selbst Vorreiter dieser Bewegung.

Daraus ging eine neue Generation von Journalisten hervor, die sich weder von der Literatur noch vom Pop durch eine Schranke getrennt fühlten: Pop hielt Einzug in die Feuilletons.

Zugleich wurde der musikalische Deutschpop theoretisch und intellektuell – und zwar anders als bei Oberlehrern wie Heinz Rudolf Kunze.

Bands wie Tocotronic oder Blumfeld gaben jetzt die Stichworte zur geistigen Situation der Zeit. Als 1997 der Germanistentag in Bonn stattfand, gab es abends eine Fete mit den „DJs“ Thomas Meinicke und Jochen Distelmeyer, der zwischen seinen Lieblingsplatten Texte von Novalis und Nietzsche las.“

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Wie selbstverständlich deutscher Popkulturnationalismus seither geworden ist, zeigt sich nicht zuletzt darin, dass Richard Kämmerlings hier in affirmativer Absicht nahezu wortwörtlich die gleichen Stationen und Wendepunkte aufzählt, die zwischen 1995 und 2005 in den oben erwähnten linken Blättern in kritischer Absicht benannt wurden.
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Kontakt: dbd (at) riseup.net