Hermann L. Gremliza: Pourquoi je ne suis pas Charlie Hebdo

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CHARLIE HEBDO

7. Januar 2015: Bei einem radikalislamischen Anschlag auf Charlie Hebdo sterben in Paris zwölf Menschen: Stéphane Charbonnier, Jean Cabut, Georges Wolinski, Bernard Verlhac, Philippe Honoré, Mustapha Ourrad, Bernard Maris, Michel Renaud, Frédéric Boisseau, Franck Brinsolaro, der Polizist Ahmed Merabet und Elsa Cayat, eine jüdische Psychoanalytikerin und Kolumnistin aus Tunesien.

Charlie Hebdo Laizismus
(Foto: privat. Vergrößern mit Rechtsklick)

Zwei Tage später nahm ein weiterer schwerbewaffneter Jihadist, der am Tag davor schon eine Polizistin erschossen hatte, in einem jüdischen Supermarkt Geiseln, von denen er vier erschießt, bevor er selbst von der Polizei getötet wird. Erstmals seit der Zeit der deutschen Besatzung wurde an diesem Tag aus Angst vor weiteren antisemitischen Angriffen die Große Synagoge in Paris geschlossen, sowie alle jüdischen Geschäfte im Zentrum von Paris.

Jüdischer Supermarkt Islamisten
Gegen den eliminatorischen Antisemitismus in Paris richtete sich die Parole : „Je suis Charlie, je suis Juif
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Nachdem die Kouachi-Brüder die Charlie Hebdo-Macher ermordet hatten, liefen sie auf die Straße, riefen: „Allahu Akhbar“ und „Ihr werdet bezahlen, denn Ihr habt den Propheten beleidigt“ und schließlich: „Wir haben Mohammed gerächt, wir haben Charlie Hebdo getötet.“ Es ist also eindeutig, dass den Journalisten von Charlie Hebdo „Blasphemie“ und „Islamophobie“ vorgeworfen wurde.

Charlie Hebdo trägt das Brandzeichen einer Geschichte, die nicht die der anderen Medien ist, auch nicht die der Monatszeitschrift KONKRET, die sich, wenn es um Satire geht, an die biederen Spaßmacher von „Titanic“ und das Hamburger Kabarett „Polittbüro“ hält.

Gremliza Polittbüro Kabarett

Der „Titanic“-Chef Tim Wolff sagte nach der Ermordung der Charlie-Hebdo-Redaktion: „Satire muss möglich sein, ohne dass man erschossen wird“. Das ist natürlich dümmlich-kokett, denn wegen der angepassten Blödel-Raps und Schenkelklopfer der völlig irrelevanten Titanic würde kein Salafist seine Mordbande mobilisieren.
Man gibt vor, nicht zu wissen, dass nicht Satire „an sich“ den radikalislamischen Killern nicht passte, sondern das Beharren auf blasphemische Polemik gegenüber ALLEN Varianten des Aberglaubens – also auch gegenüber dem Islam – und die Tatsache, dass diese Blasphemie die praktische Verteidigung der Laizität darstellt.

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Im Januar 2015 hatten das viele in Frankreich begriffen. Für Charlie Hebdo und für die Verteidigung der Laizität gingen vier Millionen auf die Straße.

Das hat den im werterelativierenden Multikulturalismus gefangenen ethnopluralistischen Linken nicht gepasst. Auch Hermann Gremliza nicht, dem Herausgeber von KONKRET. Im Wissen, was sein Publikum erwartet, entschied er sich im Februar 2015 für die Titel-Schlagzeile „Die verlogene Solidarität mit Charlie Hebdo“.

Gremliza Antiimperialist
„Pegida nicht stärken“ durch Abgrenzung von Charlie Hebdo. In Frankreich wurde diese antilaizistische Parole von linken & jihadistischen Antiimperialisten skandiert: „Les «Je ne suis pas Charlie» sont minoritaires et finiront comme tous les perdants de l’histoire“ (Caroline Fourest).
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Diese Positionierung zieht sich seither durch das Heft. Im März 2017 wendete sich Konkret gegen den „Je suis Charlie-Mitmachzwang“:

Hermann Gremliza 2017
Vergrößern mit Rechtsklick

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Bei KONKRET bewertet man das Attentat in der Rue Nicolas Appert als selbstverschuldete Strafe für eine „überzogene Religionskritik“. Damit sind nicht die zahlreichen Polemiken von Charlie Hebdo gegen die katholische Kirche gemeint, sondern allein die wenigen Mohammed-Karikaturen, die damals in der Wochenzeitschrift erschienen sind.

So wie viele Muslime den Anschlag auf Charlie Hebdo für eine gerechte Strafe für Gotteslästerung halten, so halten viele Ethno-Antirassisten Kritik am politischen Islam für „antimuslimischen Rassismus“, der mit dem Antisemitismus verglichen wird. Das KONKRET-Publikum hält Charlie Hebdo letztlich für ein rechtes Blatt. Besonders skeptisch ist man, wenn Autoren mit jüdischem oder muslimischem Hintergrund sich kritisch zum Islam äußern und dabei auf Selbsterlebtes verweisen. Dann wird der Vorwurf erhoben, dass solche Äußerungen den Rechten nützen und deshalb besser zu unterbleiben hätten. Hinter diesem angeblichen „Kampf gegen Rechts“ verbirgt sich ein reaktionärer Antiimperialismus, der jederzeit Querfront-Brücken zum antisemitischen politischen Islam baut.

Das Attentat gegen Charlie Hebdo kam mit Ansage. Schon vor dem ersten Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo im Jahr 2011 gab es bekanntlich zahlreiche Versuche, die Kritik am politischen Islam zum Schweigen zu bringen: 1989 Chomeinis Kopfgeld-Fatwa gegen Salman Rushdie. 2004 die Ermordung von Theo van Gogh. 2010 die Angriffe auf die Mohammed-Karikaturisten Kurt Westergaard und Lars Vilksund. 2011 der Anschlag auf „Jyllands-Posten“.

Nach jedem dieser Ereignisse fanden linke Ethno-Antirassisten rechtfertigende Erklärungen. Zuerst duckten sie sich weg und schwiegen über die einschüchternde Wirkung der Anschläge auch auf sie selbst. Dann verwandelten sie ihre Angst in einen paternalistischen Ethno-Antirassismus und verteidigten die „verletzten religiösen Gefühle“ gegen die Aufklärung.

Von der Dynamik und Pathologie der ideologischen und politischen Entwicklungen in der islamischen Welt redet diese im Kern immer noch antiimperialistische Linke schon seit dem 11. September 2001 nur ungern. Schon damals machte KONKRET (in dieser Zeit geleitet von Gremliza und Elsässer) letztlich die USA für den al-Qaida-Anschlag verantwortlich – entweder direkt als Geheimdienst-Verschwörung (Elsässer) oder indirekt durch das von der kapitalistischen Führungsmacht USA verursachte Weltelend (Gremliza).

Die Anschläge in Frankreich im Jahr 2015 offenbarten erneut, dass eine Kritik des islamischen Terrors nicht zum Kapitalismus-Begriff dieses Milieus passt. In der Zeitschrift KONKRET wurden 99 Prozent der radikalislamischen Anschläge der letzten Jahre in Kamerun, Nigeria, Spanien, Tunesien, Irak, Philippinen, Jemen, Dänemark, Türkei, Indien, Indonesien, Israel, Russland, Belgien, BRD und England einfach nicht erwähnt. Auch die Mordtaten der IS-Monster aus Dinslaken und die Ausbreitung der salafistischen Milieus in der BRD werden einfach verschwiegen.

Das was alles NICHT in KONKRET steht, sagt ohnehin oft mehr über die Blattlinie als die abgedruckten Texte.

Wenn sich ein Kommentar aber überhaupt nicht vermeiden lässt, dann erklärt Hermann Gremliza, dass religiöser Fanatismus, Gewaltkultur, Radikalisierung und Anti-Okzidentialismus – besonders in migrantischen Milieus – nichts anderes sind als REAKTION auf Kapitalismus, Kolonialismus, Imperialismus und Ausgrenzungserfahrung.

Der fundamentalistische Islam, der nicht in Saint Denis oder Dinslaken entstanden ist, sondern in Teheran, Riad, Kairo und Islamabad, der also ein ideologisches Kind der Stagnation der islamischen Welt ist, wird in KONKRET tatsächlich als antiimperialistische Strömung interpretiert – mit einer falschen Logik des kausalen Erklärens, die den Unterschied zwischen vermeintliche Wirkursachen und MOTIVATIONEN beseitigt. Gremliza & Co. unterstellen den Anhängern des radikalen Islam ein kontinuierliches An-sich-Sein, das ohne Lücke bis ins Bewusstsein reicht: Man geht angeblich zu Salafistentreffen oder wählt Erdogan, weil man wegen seines türkischen Namens keine Lehrstelle bekommt oder man ermordet die Redakteure von Charlie Hebdo, weil man sich vom Kapitalismus benachteiligt fühlt.

In der KONKRET-Ausgabe mit der Titel-Schlagzeile „Die verlogene Solidarität mit Charlie Hebdo“ beschreibt Hermann Gremliza in seiner Kolumne das Weltgeschehen als Gewaltspirale: Die Ermordung der Charlie-Hebdo-Redaktion erscheint bei ihm als REAKTION auf kapitalistische Überwachung, Folter, Abschiebung und Kriege:

„Und so wird es immer weiter gehen: Der Überwachung folgt schärfere Überwachung, der Folter tödliche Folter, der rücksichtslosen Abschiebung brutalere, den Kriegen mehr Kriege. Und also wird es mehr und schlimmere Anschläge geben …“. Hier das Original:

Gremliza Gewaltspirale

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So reagierte Gremliza schon auf die Anschläge vom 11. September:

Wem die Welt sich als nicht resozialisierbar darstellt, der kann nur noch kaputtmachen, WAS IHN KAPUTTGEMACHT HAT, er muss rächen, VERGELTEN, und so verspricht Osama Bin Laden in einem Aufruf zum ,Heiligen Krieg’ kein besseres Leben für die Seinen sondern nur noch ein schlimmes für die Feinde.“ (Konkret 11/2001).
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Gremliza Konkret

DER NACHFOLGENDE TEXT VON DETLEF ZUM WINKEL REAGIERTE 2015 AUF GREMLIZAS CHARLIE-HEBDO-KOLUMNE.

Er erschien zuerst auf einem Blog der Wochenzeitschrift Jungle World. Da die Blogs von Jungle World neuerdings nur bis zum Jahr 2016 zurück reichen, fielen ältere Texte leider weg. Darunter auch diese Replik von Detlef zum Winkel auf eine Kolumne von Hermann Gremliza zu Charlie Hebdo im Februar 2015. Da Winkels Kritik auf eines der vielen Wendemanöver aufmerksam macht, die sich bei KONKRET seit etlichen Jahren beobachten lassen, erscheint sein Text nun an dieser Stelle.

Weitere Kommentare zu KONKRET werden auf diesem Weblog bei Gelegenheit folgen. „Bei Gelegenheit“ bedeutet: weil Gremlizas Blatt politisch immer bedeutungsloser wird, reicht es, seine unübersehbare Wende zum rechten Linkspopulismus sporadisch zu dokumentieren.

Von dieser Entwicklung haben sich in den letzten Jahren zahlreiche langjährige Konkret-Autoren distanziert. Meistens hat der Herausgeber Hermann Gremliza (oder sein nom de plume Michael Schilling – siehe hier und hier ) dann bösartig und oft genug auch denunziatorisch nachgetreten. In diesem Fall beließ Gremliza es bei der Klage, Detlef zum Winkel habe eine Schmähschrift gegen ihn in Umlauf gebracht:

Hermann L. Gremliza Facebook
(Gremliza auf der Facebook-Seite von „Konkret“ am 19. Februar 2015).

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Im Vorspann zu der bei Jungle World veröffentlichten Fassung schrieb Detlef zum Winkel:

Im Heft 2/2015 des Magazins “Konkret” nahm Herausgeber Hermann L. Gremliza die Attentate vom 7. und 9. Januar in Paris zum Anlaß, die Welt nach den Schemata eines schlichten Antiimperialismus zu ordnen. In dieses Bild passt es offenbar nicht, sich deutlich an die Seite eines beschossenen Satire-Magazins zu stellen. Als langjähriger “Konkret“-Autor habe ich eine Erwiderung verfaßt, schließe aber aus den sparsamen Auskünften der Redaktion, daß sie dort nicht gedruckt werden wird. Auch mein Appell, die bisherige Stellungnahme noch einmal zu überdenken und einen Fehler einzuräumen, fand keine Resonanz. Daher wähle ich den Weg der Veröffentlichung bei Jungle World – um den Text bekannt zu machen.

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(Februar 2015)

Detlef zum Winkel:
FUßNOTEN ZU GREMLIZA

Die Titelseite der Februarausgabe von „Konkret“ annonciert das Thema „Ich bin Karl – Die verlogene Solidarität mit ‚Charlie Hebdo’“. Um zu unterscheiden, welche Art von Solidarität verlogen ist und welche aufrichtig, wäre es gut, wenn Konkret selber Solidarität üben würde. Danach suche ich vergebens. Gewiss – Tjark Kunstreich empört sich über die Morde von Paris, beschäftigt sich aber nicht mit den Opfern, sondern mit dem Schriftsteller Michel Houellebecq. Bei Hermann L. Gremliza finde ich väterliches Verständnis für Wutgefühle über die Täter und diejenigen, die er kurios als deren „ganze klammheimliche Mischpoche“ bezeichnet. Sein Aber folgt umgehend. Wer sich aus diesem Affekt die Welt erklären wolle, habe kein Hirn im Kopf.

Ich gehöre zu denen, die anscheinend so bescheuert sind. Die Jihadisten mochte ich schon vorher nicht. Trotzdem ändert sich etwas, wenn KollegInnen neben einem erschossen werden. Wenn man zehn Tomayers auf einen Schlag verliert. Wenn obendrein noch Menschen, die mit „Charlie Hebdo“ zu tun hatten, und Menschen, die damit überhaupt nichts zu tun hatten, sondern zufällig am anderen Ende der Stadt in einem jüdischen Geschäft einkauften, umgebracht werden.

Terroristische Taten enthalten eine Botschaft. Sie lautet in diesem Fall: euch linkes, jüdisches, antiautoritäres, libertinäres, gottloses Pack, das nichts anderes umtreibt als zu beleidigen, was anderen heilig ist, euch Schmutzfinken, Zeichner und Schreiberlinge haben wir auf der Liste.

Das ist in Frankreich angekommen. Bei „Konkret“ anscheinend nicht: weder die Botschaft der Terroristen noch die Antwort unglaublich vieler Menschen, die in nahezu jeder französischen Gemeinde für ein Satiremagazin, für ein paar unbekannte Supermarkt-Kunden und Polizisten auf die Straße gegangen sind. Daran ist nichts verlogen, und es ist auch viel wichtiger als die Motivation von vierzig Staatschefs, die sich am 11. Januar in Paris an die Spitze setzen.

Beim Anblick der politischen Prominenz auf der Straße muss der Blutdruck nicht gleich in die Höhe schnellen. Wem hätte es gedient, wenn Hollande und Merkel zu Hause geblieben wären? Wünschen wir keinen israelischen Ministerpräsidenten auf einer Kundgebung, die endlich ein größeres Zeichen gegen antisemitischen Terror in Europa setzt? Doch, der gehört dahin und er gehört in die erste Reihe, ganz gleich wie sein Name lautet. Obama wird vorgehalten, dass er nicht angereist ist. Wäre er gekommen, würde man ihn deswegen angreifen. Das ist nur Gezänk im Politbetrieb.

Hermann L. Gremlizas Anliegen ist es, sich mit einem Artikel von Bernard-Henri Lévy auseinanderzusetzen, der ihm das Schlimmste scheint, was in jenen Tagen geschrieben wurde.

Das Beiwerk der Kritik sticht ins Auge:
Terror und gestärkte Hemden“, „das französische Hemdenmodel“ und die Vermutung, Lévy gehöre zu dem einen Prozent der Weltbevölkerung, das so viel Vermögen angehäuft hat wie die restlichen 99% zusammen.

Das ist populistischer Sozialkitsch, mit heftigen Ressentiments aufgeladen. Der Text ist reichlich mit Kalauern bestückt. Mich stört nicht der Humor der norddeutschen Tiefebene (pauvreté – Powerteh). Mich irritiert allerdings der markige Ton des Vortrags, der Rückfall in einen Proletkult.

Muss man eine Pointe an den Haaren herbeiziehen (obscure – obscurantisme)? John Kerry, den Gremliza am Ende zitiert, gebrauchte in Paris die Formulierung „lutte contre l’obscurantisme“, weil er Bushs Parole vom war on terror vermeiden wollte. Das ist auch, von Gremliza unerwähnt, Thema des inkriminierten Artikels von Lévy, der davor warnt, dass Frankreich in die „Fallen tappt, in die sich die Vereinigten Staaten nach dem 11. September verirrten.“

Vom reichsten Prozent der Weltbevölkerung bin ich durchaus Schlimmeres gewohnt. Obskurantismus meint das Gegenteil von Aufklärung. Hermann L. Gremliza verdreht das zu einer Kampfansage an Finsterlinge, also an die dunkle Haut. Mir gefällt das nicht.

Zum Skandal wird es, wenn Gremliza die Figur des reichen Juden bemüht, um seine Abneigung gegen die „Je suis Charlie“-Solidarität zu begründen.

Gremliza Elsässer

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Diese Konstruktion fällt hinter alles zurück, weshalb und wozu ich in den letzten 30 Jahren in „Konkret“ geschrieben habe. Sehen Kritiken jetzt so aus? Religion, so möchte uns Gremliza in matter Anlehnung an Marx („Opium des Volkes“) mitteilen, komme von der Armut. Sie diene den Menschen dazu, Verzweiflung und Perspektivlosigkeit mit Glauben und Heilserwartungen zu betäuben.

Religöser Fanatismus und religiös begründeter Terrorismus seien die zwangsläufige Antwort auf Gewalt, Krieg und Folter, mit denen das reiche und besitzenden Prozent den Rest der Menschheit niederhält und ausbeutet.

Nur eine gerechtere Verteilung des Reichtums und eine Anhebung des Lebensstandards für eine Milliarde Menschen könne an der Spirale von immer schlimmeren Anschlägen und noch mehr brutaler Gegengewalt etwas ändern. Dann würde auch der Einfluß der Religionen nachlassen.

Ich bin dafür und vermute, dass auch Lévy es unterschreiben würde. Das macht die Analyse nicht besser. Lévy behauptet, die neue Zwei-Welten-Theorie mit ihrem zeitlosen Schema von Arm und Reich, Gut und Böse, Gläubig und Ungläubig, Rest-der-Welt gegen USA-EU, sei falsch. Das beantwortet man nicht mit Spekulationen über seinen Kontostand. Womöglich hat er nämlich recht.

Religion kommt nicht von Armut allgemein, sondern sie gehört zu bestimmten Formen der Armut in bestimmten Formen von Klassengesellschaften. Andernfalls könnten wir alle Aussichten auf irgendeinen Sozialismus oder Kommunismus beerdigen, gewissermaßen gleich mit „Charlie Hebdo“ (oder sie könnten nur noch über den Umweg einer Scharia zum Zuge kommen!). Im übrigen zeugt es von paternalistischer Herablassung, dem Bettler zu unterstellen, Religion liege ihm mehr als Pressefreiheit. Bettler haben an der französischen Revolution teilgenommen. Ich romantisiere das nicht, wende mich nur dagegen, dass es vergessen wird. Der erste bekannt gewordene Bettlerphilosoph sagte: „Das Beste auf der Welt ist die Redefreiheit.“ Aber das war ja nur Diogenes, den muss man nicht ernst nehmen.

Die zwei großen Weltreligionen bilden in ihrer geläufigen Ausprägung die feudalen Produktionsverhältnisse ab (für die jüdische Religion gilt Anderes. Welche jüdische Feudalgesellschaft hätte sie legitimieren sollen?). Damit sage ich nichts Neues. Aber spätestens die Zäsur von Paris zwingt uns, diese alte Klamotte nochmal anzusehen und uns zu fragen, warum wir sie für alt halten. Warum überholt? Hier stimmt etwas nicht – abgesehen davon, dass generell etwas mehr Bescheidenheit bei der Welterklärung angebracht ist. Denn die Frage hätte man sich schon nach 9/11 stellen können. Wir reden nun schon so lange über Religion. Wir sollten auch mal über den Unterbau reden.

Viele Zeitgenossen möchten den Feudalismus auf unserer westlichen Zeitachse ein paar Jahrhunderte zurücksetzen. Das verleitet dazu, seine Lebensfähigkeit und vor allem seine Macht zu unterschätzen. Der Feudalismus ist jetzt-und-hier. Ähnlich wie das Kapitel des Nationalsozialismus am 8. Mai 1945 nicht zugeschlagen wurde und das Kapitel des Kapitalismus nicht mit der Oktoberrevolution, war der Feudalismus mit der bürgerlich-demokratischen Revolution nicht erledigt. Er hat ungezählte Male (wir hielten es nicht einmal für nötig, sie zu zählen) zurückgeschlagen, jetzt auch an ihrem ureigensten Ort.

Deshalb ist es angemessen und aus der Sicht der französischen Kultur ein fast schon genuiner Reflex, dass die Französinnen und Franzosen mit den Parolen von 1789 geantwortet haben.

Im übrigen waren es auch die größten Demonstrationen von Menschen verschiedener Hautfarbe sowie religiöser und nicht-religiöser Zugehörigkeiten, die es je in Europa gegeben hat. Danach hat dort niemand gefragt. Paris ist das Gegenmodell zu Dresden.

Allenfalls geographisch plausibel ist der Pfeil auf Gremlizas Weltkarte, der den Terrorismus mit der Armut verknüpft. Politisch führt das genauso in die Irre wie die Behauptung, Nazis seien bei armen Leuten besonders erfolgreich.

Die Realität ist viel einfacher und brutaler: auf die Ermordung von Charb, dem ehemaligen Chefredakteur von „Charlie Hebdo“, war eine Prämie von 100.000 $ ausgesetzt.

Gremliza Michael Schilling

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So ist es mit Menschen, die auf einer Fatwa stehen; ein sattes Kopfgeld gehört dazu. Die heutigen Terroristen sind Auftragnehmer. Ihre Auftraggeber verfügen über Fonds, die sie mit Zuwendungen aus dem Netz einiger islamistischer Spendenvereine füllen.

Das hat viel mit den Macht- und Verteilungskämpfen in und zwischen den feudalen Ländern zu tun, aber nichts mit einer pervertierten Revolte gegen unerträgliche Armut in der Welt oder in den Banlieues von Paris.

Alles Lüge? Macht euch nochmal Gedanken. Übt euch in Solidarität, es ist nicht zu spät. Schreibt den Überlebenden von Charlie Hebdo einen Brief, geht der Frage nach, warum die aktuelle Ausgabe des Heftes hierzulande kaum zu kriegen ist und warum sie, wenn doch, nur unter dem Ladentisch verkauft wird, obwohl angeblich 300.000 Stück nach Deutschland gingen. Fragt euch, warum deutschen Linken ein paar Selbstverständlichkeiten so unglaublich schwer fallen. Fangen wir damit an dazuzulernen. „Mach meinen Kumpel nicht an“ bedeutet auch: Knall meinen Kumpel nicht ab.
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