Archiv für Oktober 2016

Hermann L. Gremliza: Scheiß Deutschland – außer Suhrkamp

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Formen + Funktionen der literarischen Memorialkultur

Etwa 2005 begann das bemerkenswerte Interesse von Gremliza an der FAZ und besonders an dem Schirrmacher-Zögling Dietmar Dath. Zu den Spekulationen über Gremlizas Motive gehörte die Vermutung, er wolle sich einen Nachruf in der FAZ sichern.

Gremliza, der sich gerne als Bourgeois darstellt, der seine Klasse verraten hat, leidet darunter, dass diese Selbstinszenierung bislang in der „Zeitung für Deutschland“ und anderswo wenig Aufmerksamkeit gefunden hat. Die wenigen Treffer, die sich im FAZ-Archiv finden, wenn man dort „Gremliza“ eingibt, gehen auf Dath zurück.

2013 brachte der FAZ- und Konkret-Autor Oliver Tolmein einen Nachruf auf den (KONKRET-) „Satiriker Horst Tomayer“ in der FAZ unter. Zwei andere Erwähnungen Tomayers sind von Dath.

Mehrere KONKRET-Schreiber behaupteten plötzlich, die Anerkennung durchs bürgerliche Feuilleton sei Tomayers höchstes Ziel gewesen. In der TAZ befand Rene Martens im Auftrag von KONKRET:

Horst Tomayer hätte es verdient, in einem Atemzug mit der Neuen Frankfurter Schule genannt zu werden…. Berühmt werden konnte Horst Tomayer aber schon deshalb nicht, weil er nicht korrumpierbar war.“

Im KONKRET-Milieu hatte sich offenbar das Gefühl breit gemacht, dass einige KONKRET-Autoren es unbedingt verdient hätten, in FAZ & TAZ gefeiert zu werden. Der Gestus der Unbestechlichkeit sollte weiterhin gepflegt werden, aber so, dass er nicht zum Hindernis wird.

Da Tomayer selbst einen FAZ-Nachruf eher für eine Beschädigung seiner Dichtung gehalten hätte, ist dieses Buhlen um bürgerliche Anerkennung leicht als verklausuliertes Signal zu erkennen: Es geht um Gremliza selbst. Ihm, so die Bitte, solle doch, wenn es soweit ist, was Vorzeigbares nachgerufen werden.
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Suhrkamp Gremliza
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Scheiß-Deutschland! Oben: Die (unsägliche) Deutschpop-Band „Heiterkeit“ auf der Rückseite von KONKRET Juli 2016 (erneut in Heft 10/16, s.a. Heft 9/16: Deutschpop als „Platte des Monats“). Unten: Begeisterte Kritik in der FAZ im Juni 2016.

Gremliza FAZ Suhrkamp
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Gremliza, der ständig beteuert, dass er Deutschland „richtig Scheiße“ findet, hat es zuletzt mehrfach mit dem Deutschlandfunk versucht. Wolfgang Porth kommentiert das mit den Worten: „Was haben wir erreicht? Deutschland ist wiedervereinigt, die Armen wurden ärmer, die Reichen reicher. Gremliza darf anderthalb Stunden im Deutschlandfunk aus seinem Leben plaudern…“ (hier und hier und hier)

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Jetzt zeigt sich, dass Gremliza, als er auf Dath setzte, nicht nur an die FAZ dachte. Denn Dath sitzt auch in einem Beirat des Suhrkamp-Verlages, gehört dort also zu den Leuten, die vorschlagen können, was sie literarisch für bedeutsam halten. So hat der Klassenverräter Gremliza am Ende und vor dem Ende doch noch die bürgerliche Anerkennung gefunden und ist Suhrkamp-Autor geworden. Der Nachdruck seiner Kolumnen in den Buchreihen des eigenen Verlages reichte ihm nicht. Da fehlt einfach die hochkulturelle Weihe. Wie billig sieht das aus auf der eigenen Wikipedia-Seite: „Alle seine Texte erschienen im Selbstverlag“. Das hört sich nach einem negativen Literaturpreis an, bei dem man die Druckkosten selbst bezahlen muss.

Allerdings hat Gremliza nicht bedacht, dass „Gremliza bei Suhrkamp“ sich ziemlich nach „Gremliza am Ende“, also nach Anbiederung an Deutschland anhört.

Deshalb muss die Buchpräsentation besonders derbe ausfallen, auch wenn sie SO lieber nicht vom Suhrkamp-Verlag selbst angekündigt wird,
sondern von der Hamburg Touristik:

„Scheiß Deutschland“

heißt sie und findet am „Tag der Deutschen Einheit “ in einem Hamburger Kabarett statt, dem „Polittbüro“, wo alle enden, die politisch schon in Rente sind:

„3. Oktober 2016: Seit einigen Tagen in der Edition Suhrkamp: Haupt- und Nebensätze, Gremlizas Gedanken aus den letzten zwei Jahrzehnten, gesammelt und neu gefasst – über Sommermärchen und Winteralpträume, über deutsche Unglücksfälle auf G (wie Gauck, Gabriel, Gysi), über deutsche Verbrechen gegen die Menschheit und andere Exportschlager. Vorstellung des Bandes an drei Abenden unter dem Titel »Scheiß Deutschland«: Am 3. Oktober im Polittbüro Hamburg mit Thomas Ebermann und am 12. November im Roten Salon der [Ost-] Berliner Volksbühne [Gremliza: „Nie wieder Deutschland – außer der Volksbühne“] mit Dietmar Dath. Eintritt: € 15,-

Inhalt

»In dubio contra« schrieb er einem Leser in die Anthologie, für die er 1967 Helmut Schmidt unter dem Titel »Rechts, wo der Blinddarm ist« porträtiert hatte. Seit vierzig Jahren macht Hermann L. Gremliza alles nieder, was Menschen erniedrigt: den Kapitalismus, das deutsche Vaterland, seine Antisemiten und Rassisten: »Das andere, bessere [Suhrkamp-] Deutschland gibt es NICHT. Was es gibt, sind die Deutschen und ein paar Menschen, die auch in dieser Gegend wohnen.« Für diesen Band hat Gremliza Gedanken aus den letzten zwei Jahrzehnten gesammelt und neu gefasst: über Sommermärchen und Winteralpträume, über deutsche Unglücksfälle auf G (wie Gauck, Gabriel, Gysi), über deutsche Verbrechen gegen die Menschheit und andere Exportschlager. 15,00 € , Erschienen: 12.09.2016, 159 Seiten“

„Gedanken aus zwei Jahrzehnten“. Bei Suhrkamp. Am Tag der Deutschen Einheit. Im Polittbüro. Unter dem Motto „Scheiß Deutschland“.
Das ist bitter. Warum müssen die Leute am Ende aus der Rolle fallen?

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Suhrkamp Gremliza

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In der Oktober-Ausgabe von KONKRET interviewt Gremliza die Rechtsanwältin und Feministin Seyran Ates. Dabei versucht Gremliza Ates auf üble Weise anzuhängen, ihre Kritik bestimmter islamischer Praktiken würde den Rechten das Geschäft erleichtern. Am Ende des Interviews stellt der frisch gebackene Suhrkamp-Autor sich als Kommunist und Dissident dar, der wegen seiner mutig abweichenden Meinungen in einer ähnlichen Lage sei wie viele Migranten und Flüchtlinge und deshalb „auch in einer Parallelgesellschaft“ leben müsse. Ates schlagfertige Antwort ist großartig:

„KONKRET in Deutschland ist ein wichtiger Bestandteil der offenen Gesellschaft und in diesem Sinne auch gut integriert.“

KONKRET, FAZ, Suhrkamp – Gremlizas „Scheiß Deutschland!“ ist nur seine Art JA zu sagen.

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NACHTRAG 1

Irgendwer beim Verlag Suhrkamp scheint, nach über 40-jährigem Wirken Gremlizas als Herausgeber von »Konkret« (»Lesen, was andere nicht wissen wollen«), plötzlich dessen Existenz bemerkt zu haben.“ (Neues Deutschland, 12.11.2016, Rubrik: Kultur)

„Als Suhrkamp das erste Buch von mir angenommen hatte, war mir, als hätte ich zum zweiten Mal das Abitur bestanden.“ (Irgendwer, FAZ 21.02.2014)
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NACHTRAG 2

Gremlizas nächste Buchvorstellung findet am 6. Dezember im „israelkritischen“ Frankfurter Club Voltaire (Kleine Hochstraße 5) statt, den Jürgen Elsässer einst gegen Zionisten & Antideutsche verteidigte. Eintritt: 10 € (PS: Gremliza hat diesen Auftritt ohne Begründung kurzfristig abgesagt).

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